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Zink als Anti-Östrogen bei Testosteron-Doping?

Frägt man dopende Bodybuilder welche „ausgleichende“ Supplementierung sie mit dem Einsatz von Steroiden unbedingt empfehlen würden, fällt nicht selten als allererstes Zink. Zink sei wichtig, da es dabei hilft den Östrogenstatus in Schach zu halten. Man beschreibt dies im Fachjargon als einen „anti-östrogenen Effekt“ und verspricht sich davon weniger östrogenbedingte Nebenwirkungen wie Gynäkomastie oder eine Verschlechterung des Hautbildes. In der Praxis arbeiten Bodybuilder basierend auf dieser Argumentation mit 100 bis 150mg Zink pro Tag.

Ich denke es wird Zeit dieser „mitgebrachten“ Vorgehensweise aus dem Old-School-Bodybuilding auf den Zahn zu fühlen.

Viel Spaß beim Lesen!

Testosteron und Östrogen

Es wäre zu umfangreich auf alle Steroidausläufer, Abwandlungen von Testosteron, Nandrolon und Co einzugehen. Da für viele dopende Sportler Testosteron das „Einstiegs-Medikament“ darstellt und es auch in umfangreicheren Stacks meist einen festen Platz einnimmt, befasst sich der heutige Beitrag zunächst mit dem Einfluss supraphysiologischer Gaben exogenen Testosterons auf Östrogen, das weibliche Geschlechtshormon.

Studie

Zmuda et al (1) führten in diesem Zusammenhang eine Studie mit gesunden Männern durch. Die Probanden im Alter von 19 bis 42 Jahren wiesen einem Körperfettgehalt von durchschnittlich 12,7% auf, blicken auf mindestens 6 Jahre Krafttrainingserfahrung zurück und hatten bisher keine anabolen, androgenen Steroide im Einsatz. Eingeteilt in 3 Gruppen erhielten sie entweder 200mg intramuskuläres Testosteron Enantat pro Woche, 4x täglich 250mg Testoloctane (einen Aromatasehemmer) oder eine Kombination aus beiden Präparaten für jeweils 3 Wochen. Die Teilnehmer wiesen vor dem Versuch allesamt normale Testosteronspiegel auf.

Ergebnisse

  • Die alleinige Verabreichung von Testosteron erhöhte das Testosteronaufkommen um 38% und um 102% in Kombination mit dem Aromatasehemmer.
  • Die alleinige Verabreichung von Testosteron erhöhte das Östrogenaufkommen um 43%, während kein Anstieg bei Östrogen mit der kombinierten Verabreichung verzeichnet wurde.
  • Testoloctane hemmte die Aktivität des Aromatase-Enzyms und blockierte damit die Umwandlung von exogenem Testosteron in Östrogen.

Warum ist Östrogen ein Problem?

Ein erhöhtes Aufkommen an Östrogen bei dopenden Männern erhöht das Risiko auf Nebenwirkungen wie Gynäkomastie (3), eine Zunahme von Unterhautfettgewebe (6) oder Wassereinlagerungen im Gewebe (4). Inwieweit hohe Östrogenwerte auch die Libido negativ beeinflussen scheint nicht eindeutig geklärt (2).

Fazit

Supraphysiologische Gaben exogenes Testosteron erhöhen das Aufkommen an Östrogen. Beteiligt daran ist eine vermehrte Aktivität des umwandelnden Enzyms Aromatase. Die Verringerung der Aromatase-Aktivität ist in der Lage den Östrogenanstieg zu Gunsten von mehr Testosteron zu verändern. Ein Überaufkommen an Östrogen ist für einige steroid-typische Nebenwirkungen verantwortlich.

Zink

Positive Effekte

Zu Zink dürfen nach Health-Claim Verordnung folgende Aussagen getroffen werden (5):

  • Trägt zu einem normalen Säure-Basenhaushalt bei
  • Trägt zu einem normalen Kohlenhydratstoffwechsel bei
  • Trägt zu einer normalen kognitiven Funktion bei
  • Trägt zu einer normalen DNA Synthese bei
  • Trägt zu einer normalen Fruchtbarkeit und einer normalen Reproduktion bei
  • Trägt zu einem normalen Stoffwechsel von Makronährstoffen bei
  • Trägt zu einem normalen Fettstoffwechsel bei
  • Trägt zu einem normalen Vitamin A Stoffwechsel bei
  • Trägt zu einer normalen Eiweißsynthese bei
  • Trägt zur Erhaltung normaler Knochen bei
  • Trägt zur Erhaltung normaler Haare, Nägel und Haut bei
  • Trägt zur Erhaltung eines normalen Testosteronspiegels bei
  • Trägt zur Erhaltung einer normalen Sehkraft bei
  • Trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei
  • Hat eine Funktion bei der Zellteilung

Wie wir sehen, ist der Einfluss von Zink immens groß, weshalb wir uns tunlichst um eine bedarfsgerechte Versorgung kümmern sollten.

Der Zinkbedarf gestaltet sich nach derzeitigem Kenntnisstand wie folgt (7):

  • Männer 11mg pro Tag (RDA)
  • Frauen 8mg pro Tag (RDA)

Der Upper Intake Level der die Höchstmenge für Unbedenklichkeit widergibt, wurde mit 40mg pro Tag für Personen ab 19 Jahren festgelegt (7).

Ein Sammelsurium an belegten Einflüssen von Zink auf unseren Körper legt nahe, dass wir uns um eine ausreichende Versorgung bemühen sollten.

Zink ein wichtiges Spurenelement

Zu viel des Guten

Natürlich gibt es wie überall sonst auch bei Zink ein „zu viel des Guten“. Zu akuten Nebenwirkungen einer überhöhten Einnahme zählen epigastrische Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Bauchkrämpfe, Durchfall und Kopfschmerzen. Eine Zinküberdosierung steht des Weiteren in Verbindung mit einer negativen Beeinträchtigung des Eisen– und Kupferstatus (7). Im Bereich von 50 bis 150mg Zink pro Tag wurden bereits Magen-Darm-Beschwerden festgestellt (7). Die Verabreichung von 2x150mg elementarem Zink sorgte bei Chandra et al (9) an gesunden Probanden zur Funktionsbeeinträchtigung des Immunsystems.

Exogenes Testosteron und Zink für schlechte Cholesterinwerte

Hartgens et al stellten 2004 fest, dass die Verabreichung anaboler-androgener Steroide schon über 8 bis 14 Wochen eine Absenkung von HDL-Cholesterin zur Folge hatte, während Serum-Triglyceridspiegel und Gesamtcholesterin unverändert blieben (8). Bei Nandrolon konnte diese Beobachtung übrigens nicht gemacht werden.

In Verbindung mit der zeitgleichen Verabreichung hoher Mengen Zink als vermeintliches Anti-Östrogen ergibt sich hier möglicherweise eine denkbar schlechte Kombination.

Bei Chandra et al zeigte sich mit Verabreichung von 2x150mg Zink an gesunden Probanden ein signifikanter Rückgang von HDL-Cholesterin (9). Weitere Studien von Black und Hopper legen einen ähnlichen Zusammenhang schon mit Verabreichung von 50 bis 160mg Zink pro Tag nahe (10,11). Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch Studien existieren die einen solchen Zusammenhang mit Zink im Bereich von 150mg pro Tag nur temporär (12) oder gar nicht nachweisen (13).

Fazit

Die regelmäßige Einnahme von Zink über dem Upper Intake Level kann unerwünschte Begleiterscheinungen herbeiführen. Insbesondere in Verbindung mit dem Einsatz von exogenem Testosteron in supraphysiologischen Mengen kann es zu einer negativen Beeinflussung des Cholesterinaufkommens mit all seinen weiteren Folgen kommen. Man sollte sich auf gut
Deutsch als „Stoffer“ zwei Mal überlegen, ob man höhere Dosierungen Zink regelmäßig zur Anwendung bringen möchte.

Zink ein Anti-Östrogen?

Kommen wir nun zur abschließenden und alles entscheidenden Frage ob Zink tatsächlich in der Lage ist, ein Überaufkommen an Östrogen, verursacht durch die exogene Verabreichung von Testosteron in supraphysiologischen Mengen, zu reduzieren.

Sieht man sich auf gängigen Bodybuilding-Portalen wie Bodybuilding.com (14) um, könnte man dies vermuten. Hier heißt es: „The mineral zinc inhibits the aromatase enzyme that converts testosterone into excess estrogen.“ Quellenangabe leider Fehlanzeige! Den einzigen Hinweis den man von Examine auf Zink und Östrogen erhält ist der einer erhöhten Bildung von Östrogenrezeptoren bei einem Zinkmangel an Ratten (15). Wikipedia (16) spricht sich für einen hemmenden Effekt von Zink auf Aromatase aus und begründet dies ebenfalls mit der Literaturquelle von Examine die in Verbindung mit einem Zinkmangel steht und im Tiermodell durchgeführt wurde. Adel Moussa, vielen bekannt von Suppversity (17) hält einen anti-östrogenen Effekt einer hohen Zinkverabreichung weit über dem Bedarf ebenfalls nicht für gegeben. Studien an Zellkulturen bringen hohe Zinkdosierungen mit einer reduzierten Affinität von SHBG auf Östrogen in Verbindung (ergo weniger davon wird an ein Transportprotein gebunden). In Verbindung mit weniger starken Östrogen bedingten Effekten stellt dies jedoch keinen Vorteil dar (18,19).

Fazit

Östrogen-bedingte Nebenwirkungen einer exogenen Verabreichung von Testosteron zu Dopingzwecken mit Zink zu reduzieren scheint als althergebrachter Mythos ohne fehlende Belege zu sein.

Resümee

Halten wir fest:

  • Testosteron zu Dopingzwecken erhöht das Aufkommen an Östrogen
  • Östrogen ist für typische Nebenwirkungen verantwortlich die man mit der Verwendung von Steroiden in Verbindung bringt
  • Eine der nicht-östrogen-abhängigen Nebenwirkungen von Testosteron zu Dopingzwecken ist die ungünstige Verschiebung des Cholesterinaufkommens
  • Bei Zink handelt es sich um ein wichtiges Spurenelement mit Effekten auf den Körper die mitunter auch den Hormonhaushalt betreffen. Eine adäquate Versorgung ist stets empfohlen.
  • Überhöhte Mengen Zink bergen einige Nebenwirkungen, mitunter eine mögliche negative Beeinflussung des Cholesterinaufkommens. Die Kombination aus exogenem Testosteron mit überhöhten Mengen Zink wie in der Praxis üblich erscheint unter diesem Gesichtspunkt unklug.
  • Im Rahmen meiner Recherche habe ich keine klaren Hinweise gefunden, die auf einen anti-östrogenen Effekt von Zink in Mengen weit über dem Upper Intake Level hindeuten.

Nachdem ihr diesen Beitrag gelesen habt nun die abschließende Frage: Würdet ihr Zink als festen Bestandteil eurer Testo-Kur einbauen? Ein von Generation zu Generation weitergegebenes Dogma erscheint bei genauem Hinsehen wieder einmal als nicht wirklich haltbar.

Bleibt aus diesem Grund immer skeptisch und hinterfragt selbst die Aussagen die euch als „in Stein gemeißelt“ erscheinen!

Sollte es wichtige Studien geben die ich bei meiner Recherchearbeit übersehen habe bitte ich, dass mir diese übersandt werden!

Sportlicher Gruß

Holger Gugg

www.Body-Coaches.de

—————————-

Quellen

(1)

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0021915096060571

(2)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24928451

(3)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK279105/

(4)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2849969/

(5)

https://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2012:136:0001:0040:DE:PDF

(6)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/6350364

(7)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK222317/

(8)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1724824/

(9)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/6471270

(10)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7420708

(11)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3163879

(12)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7081096

(13)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3365292

(14)

https://www.bodybuilding.com/content/all-about-estrogen.html

(15)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8613886

(16)

https://en.wikipedia.org/wiki/Aromatase#cite_note-31

(17)

https://suppversity.blogspot.com/

(18)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/m/pubmed/10859323/?fbclid=IwAR3mS5B4vXzSowQuv6d7Rdy_qOTEGMPbvX6EQs1UTBvmo8msGXxYgIulXZ8

(19)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/m/pubmed/12943704/?fbclid=IwAR2uhrQIq9s917Z7zKWl8-FD7gm3iXXZIIWCt157Bd6fK6rVW7uwlts-bXY

Bildquelle

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