Diät, Ernährung, Gesundheit

Eine Schilddrüsenunterfunktion zählt aus metabolischer Sicht zu den absoluten Horror-Szenarien eines jeden Abnehmwilligen. Man bezeichnet damit einen Mangel an Schilddrüsenhormon im Körper. Bekannt als DAS Stoffwechselhormon ist Schilddrüsenhormon maßgeblich am Energiestoffwechsel beteiligt (1). Zu wenig zirkulierendes Schilddrüsenhormon kommt einer Abnehmbremse gleich. Heute beantworte ich die Frage ob eine Ernährung nach dem „Low-Carb“ Prinzip eine Schilddrüsenunterfunktion fördert.

Holger Gugg befasst sich mit Schilddrüsenunterfunktion

Was ist Low Carb

Trotz der Tatsache, dass der Begriff „Low-Carb‘“ in aller Munde ist, gibt es keine klare Definition. Einen Versuch unternimmt diese Darstellung, wonach klassisches Low-Carb durch einen Anteil von 10 bis 25% der Tageskalorien aus Kohlenhydraten gekennzeichnet wäre.

Was ist Low-Carb?

Fazit

Bei Low-Carb werden Kohlenhydrate im Bereich von 10 bis 25% der Tageskalorien aufgenommen.

Die Rolle von Kohlenhydraten

Während Schilddrüsenhormon mitunter den Kohlenhydratstoffwechsel reguliert (1), benötigen wir eine gewisse Menge Kohlenhydrate um die körpereigene Produktion von Schilddrüsenhormon anzukurbeln.

Es besteht, wenn man so möchte, eine gegenseitige Abhängigkeit die sich wie folgt erklären lässt:

  1. Die der Schilddrüse übergeordnete Stelle im Gehirn die für die Ausschüttung von Schilddrüsenhormon zuständig ist, benötigt Glucose um zu funktionieren (2)
  2. TSH (das wichtigste Regulationshormon der Schilddrüse) wird zu einem gewissen Teil aus Glucose gebildet (2)
  3. Die Menge aufgenommener Kohlenhydrate beeinflusst die Umwandlung von inaktivem T4 in aktives T3 (2)

Studien belegen einen Rückgang der Umwandlung von T4 in T3 unter starkem Kaloriendefizit bei gleichzeitig niedriger Kohlenhydratzufuhr. Bei sog. T3 handelt es sich um die aktive Form des Schilddrüsenhormon. Sie muss in ausreichendem Maße vorhanden sein um die Effekte von Schilddrüsenhormon zu vermitteln.

Erklärt werden kann der Rückgang über eine Wechselwirkung zwischen Insulin und Enzymen, die für besagte Umwandlung verantwortlich sind. Insulin reguliert den Blutzucker. Je weniger Kohlenhydrate aufgenommen werden, desto weniger wird im Regelfall ausgeschüttet (mit Ausnahme der Verabreichung hoch insulinogener Proteinquellen).

Fazit

Es besteht eine Verbindung zwischen Kohlenhydraten und der Bildung von Schilddrüsenhormon inklusive der Umwandlung vom inaktivem in aktives Schilddrüsenhormon.

Kohlenhydratentzug fördert Schilddrüsenunterfunktion

Wirkt sich Kohlenhydratentzug auf die Bildung von Schilddrüsenhormon aus?

Im Sinne des Überlebens in Situationen mangelnder Versorgung ist in uns allen ein evolutionärer Rückgang der Produktion von Schilddrüsenhormon unter längerer Kalorieneinschränkung verankert. Langsamer verlaufende Stoffwechselvorgänge reduzieren den Energiebedarf und verlängern damit die Zeit des Überlebens in Notlagen (6). Kohlenhydrate spielen wie wir oben gesehen haben neben Kalorien eine besondere Rolle.

Ketogene Diät

Die ketogene Diät versteht sich als Ernährungsform mit dem geringsten Aufkommen an Kohlenhydraten. Tatsächlich existieren Untersuchungen, die einer ketogenen Diät (VLCD) eine gewisse Beeinträchtigung der Schilddrüse nachweisen (7-9). Verglichen mit einem Kohlenhydratanteil von 85 oder 44 Prozent der Tageskalorien stellte sich beispielsweise bei Bissschopp (11) mit einer Reduzierung der Kohlenhydrate auf 2% eine Absenkung des T3-Aufkommen an gesunden Probanden ein. (siehe Darstellung in schwarz)

Ketogene Diät und Schilddrüsenunterfunktion

Low-Carb

Inwieweit bereits klassisches Low-Carb nach oben genannter Definition einen merklichen Einfluss auf das Schilddrüsenhormonaufkommen ausübt ist mangels verfügbarer Belege schwierig zu sagen. Nuttall et al räumen Low-Carb Diäten ein geringeres Risiko auf negative Beeinträchtigung der Schilddrüse ein als diese mit VLCD zu erwarten ist (10). In einer Studie mit Diabetikern ergeben sich keine Änderungen mit einer Kohlenhydratmenge von 20% der Tageskalorien (21). Bei Pasquari stellten die Forscher durchaus einen Rückgang der T3-Konzentration mit Aufnahme von 120g oder weniger Kohlenhydrate pro Tag an übergewichtigen Probanden fest (22)

Kohlenhydrate wichtiger als Kalorien

Selbst mit bestehendem Kaloriendefizit kann ein hoher Kohlenhydratanteil eine Reduzierung von T3 eindämmen (14). Bei Hendler et al (15) wurden über 3 Wochen nur 440 Kalorien täglich aufgenommen. Die alleinige Umgewichtung des Kohlenhydratanteils von 1% (VLCK) auf 55% (High-Carb), sorgte für eine weniger starke Reduzierung des T3-Aufkommens.

Kleinere Studien zeigen weiterführend, dass bei Re-Dieting nach einer Hungerperiode gerade die Verabreichung von Kohlenhydraten (nicht aber Protein oder Fett) den Schilddrüsenhormonspiegel wieder ansteigen lässt (12,13).

Fazit

Die Verabreichung von Kohlenhydraten fungiert als stärkster Faktor der Bildung von aktivem Schilddrüsenhormon (T3). Im Rahmen von VLCK alias ketogenen Diäten sind Absenkungen bei aktivem Schilddrüsenhormon vielfach belegt. Wie stark und ab welcher Aufnahmemenge bereits Low Carb eine Schilddrüsenunterfunktion herbeiführen kann ist nicht hinreichend untersucht.

Es scheint durchaus eine bestimmte Schwelle bei der Kohlenhydrataufnahme zu geben, die unabhängig von der Kalorienaufnahme eingehalten werden muss um negative Veränderungen bei Schilddrüsenhormon zu vermeiden. Die genaue Höhe obliegt individueller Gegebenheiten und sicher nicht zuletzt auch dem Verbrauch im Rahmen des anaeroben Stoffwechsels.

Sport und die Schilddrüse

Nachdem sich Kohlenhydrate als starker Faktor für die Bildung von aktivem Schilddrüsenhormon erwiesen haben, muss man neben der reinen Aufnahme auch einen Blick auf den Verbrauch werfen, ergo auf sportliche Belastung. Eines haben alle physischen Aktivitäten gemeinsam. Sie beeinflussen allesamt den Stoffwechsel und erhöhen mehr oder weniger ausgeprägt den Kalorienumsatz während, und auch nach der eigentlichen Betätigung (16). Sport ist also von Grund auf erst einmal etwas Gutes.

Ausdauertraining

Bei Personen mit Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) geben Bansal et al. (17) als Empfehlung aus, regelmäßige körperliche Aktivität bei moderater Intensität zusammen mit einer L-Thyroxin-Substitution durchzuführen, um die Schilddrüsenfunktion zu verbessern. Die Wissenschaftler gaben ihre Empfehlung auf Grundlage einer eigenen Studie aus. Die Probanden waren dabei über 3 Monate täglich 1 Stunde körperlich aktiv. Es zeigte sich eine signifikante Abnahme bei TSH sowie eine signifikante Zunahme an T4 und T3 in der aktiven Gruppe verglichen mit einer nicht aktiven Gruppe. Kefelegn Zenebe Altaye et al. (18) stellten selbiges fest, nachdem Probanden über 16 Wochen 3x wöchentlich für 30-45 Minuten aerobes Training bei moderater Intensität durchführten.

Während Ausdauertraining von moderatem Volumen die Schilddrüse also positiv zu beeinflussen scheint, berichten Studien insbesondere bei Frauen von einem Rückgang des Aufkommens an aktivem Schilddrüsenhormon bei exzessivem Volumen von Ausdauertraining als Steady State (gleichbleibende Herzfrequenz / Belastung) (24). Es gibt Hinweise die bereits ab etwa 8 Stunden pro Woche von einer negativen Beeinflussung berichten (23).

Auch die Intensität des Ausdauertrainings spielt eine Rolle für die zirkulierenden Schilddrüsenhormone. Ciloglu et al. (16) ließen gut trainierte männliche Probanden ein Fahrradergometer bei unterschiedlichen Intensitäten (45%, 70% & 90%) fahren. Bestimmt wurden neben den Standartparametern auch T4, fT4, T3, fT3 sowie TSH. Wie sich zeigte, stellte sich bei einer Intensität von 90% HFmax (Maximale Herzfrequenz) ein Rückgang bei freiem T3 ein.

Krafttraining

Simsch C et al. (19) ließen 6 gut trainierte Ruderer zwei fast aufeinanderfolgende Interventionen bestehend aus einer 3-wöchigen Krafttrainingsperiode und einer 3-wöchigen Ausdauerperiode durchführen. Die Einheiten waren lediglich durch eine Erholungsphase voneinander getrennt. Nach jedem Block wurden unter anderem TSH, fT3 und ft4 gemessen. Nach dem Krafttraining sank TSH und ft3 akut ab, während freies T4 unverändert blieb (19).

Baylor LS & Hackney AC (20) ließen College Athletinnen täglich ein Bewegungstraining aus sportlichen Aktivitäten wie Rudern, Laufen oder Gewichtstraining durchführen. Sie stellten bereits nach 4 Wochen einen Rückgang von ft3 um 28,2% und nach 10 Wochen um 24,9% fest. Allerdings – und das war das interessante – zeigten sich die hormonellen Anpassungen nicht bei allen Frauen. Sie unterschieden im Weiteren zwischen „Respondern“ und „Non-Responder“, also Frauen, die hormonell auf intensive Trainingseinheiten reagieren und Frauen, bei denen dies ausbleibt.

Signifikante Veränderungen des Aufkommens an aktivem Schilddrüsenhormon blieben in der Studie von Rahimi et al bei jungen Trainierenden über 8 Wochen aus (25).

Fazit

Bei „üblichem“ Krafttraining im ambitionierten Freizeit- und Breitensport droht keine nachhaltige Schilddrüsenunterfunktion. Moderates Ausdauertraining kann das Schilddrüsenhormonaufkommen sogar verbessern. Erst mit zu hoher Intensität oder zu hohem Volumen treten negative Beeinträchtigungen ein. Wie es scheint bestehen individuelle Unterschiede in der Auswirkung von sportlicher Aktivität auf die Schilddrüsenhormonbildung.

Resümee

Die Schilddrüsenhormonbildung und die Verfügbarkeit von Kohlenhydraten stehen in einer engen Beziehung zueinander. Die Schilddrüse steuert den Stoffwechsel von Kohlenhydraten. Kohlenhydrate werden für die Bildung von Schilddrüsenhormon benötigt. Auch Insulin spielt hierbei eine Rolle.

Dank dieser Tatsachen lässt sich klar ableiten, dass es mit sinkender regelmäßiger Zufuhr an Kohlenhydraten mehr und mehr auch Probleme mit Schilddrüsenhormon geben kann.

Während es in jedem Falle ein „zu low“ bei Kohlenhydraten für die Schilddrüse gibt, lässt sich nicht klar sagen ab wann es „zu low“ im Sinne einer Schilddrüsenunterfunktion ist. Letztlich ist die genaue Grenze nicht wirklich von Bedeutung, so lang man den Einsatz von Kohlenhydraten nach dem individuellen Bedarf plant.

Auch sportliche Betätigung wirkt sich unterschiedlich auf Schilddrüsenhormon aus. In gewissem Rahmen förderlich, kann sich mit sehr exzessivem oder intensivem Training eine negative Beeinflussung ergeben. Nicht jede Person scheint jedoch gleichermaßen sensibel auf Belastungsparameter zu reagieren.

WER SICH UM  EINE SCHILDDRÜSENUNTERFUNKTION SORGT SOLLTE KOHLENHYDRATE NICHT ABSICHTLICH MEIDEN, SONDERN IM RAHMEN SEINES INDIVIDUELLEN BEARFS REGELMÄSSIG VERZEHREN. EINE STEILVORLAGE GIBT MEIN ERNÄHRUNGSKONZEPT HBN – HUMAN BASED NUTRITION

Sportlicher Gruß

Holger Gugg

www.Body-Coaches.de

Quellen

(1)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16131332

(2)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25767463

(3)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31611148

(4)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1249190

(5)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8531842

(6)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16720655

(7)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28076316

(8)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3702673

(9)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29344467

(10)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16423633

(11)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11167929

(12)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/97492

(13)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/109731

(14)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1249190

(15)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3189211

(16)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16380698

(17)

http://www.amhsjournal.org/text.asp?2015/3/2/244/171913

(18)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6678003

(19)

https://www.researchgate.net/publication/11173196_Training_Intensity_Influences_Leptin_and_Thyroid_Hormones_in_Highly_Trained_Rowers

(20)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12527982

(21)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16423633

(22)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7096916

(23)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/6748921

(24)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12527982

(25)

https://www.imedpub.com/articles/the-effect-of-resistance-training-on-thyroid-hormones.pdf